Glashütte in Sachsen, Berlin Zeit zeugen

Judith Borowski ist für die Marke Nomos Glashütte verantwortlich, für das Design der Manufaktur-Uhren wie auch Marketing und Kommunikation. Als junge Studentin hatte sie den Mut besessen – einen Mut, den sie heute selbst als Frechheit bezeichnet – nach einem Preisnachlass für eine Nomos zu fragen. Sie fragte nicht etwa in einem Laden, sondern rief den Chef, Roland Schwertner, persönlich an. Diese Frage war ihr erster Kontakt zum Unternehmen und brachte ein Getriebe ins Laufen, dessen Radius damals noch nicht absehbar war. Sie konnte sich dann die begehrte Uhr «erschreiben» und von Anfang an zum Heranwachsen eines erfolgreichen Unternehmens beitragen. Später war sie unter anderem tätig bei der Financial Times Deutschland und ARD aktuell und ist heute, mehr als 15 Jahre nach ihren ersten Rabattverhandlungen, Gesellschafterin von Nomos Glashütte. Judith Borowski ist 44, stammt von der Schweizer Grenze, sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Mit Preisen zwischen 1400 und 5500 Franken dürfen wir Nomos-Uhren als Einstieg in die Welt der Luxus-Uhren bezeichnen. Die Zeitmesser werden in Glashütte, einer winzigen ostdeutschen Stadt, hergestellt, aber in Berlin designt. Berlin und Luxus – geht denn das zusammen?
JUDITH BOROWSKI: Naja, Berliner sind nicht unbedingt verwöhnt. Geschichte verlief in Deutschland und vor allem in Berlin viele Jahrhunderte lang so, dass immer wieder das Unterste zuoberst gekehrt wurde und andersrum. Erst seit wenigen Jahren mausert sich die Stadt aber auch zur internationalen Metropole für Kunst und Gestaltung – kaum irgendwo sonst weltweit spielt die Bildende Kunst heute eine solche Rolle wie hier. Und: Es kommt Geld in die Stadt, ändert das Leben in rasendem Tempo. Hier, in Berlin, an der Schnittstelle zwischen Ost und West und im kreativen Zentrum Europas sind wir besser als überall sonst in der Lage, zeitgemässe Uhren zu kreieren. Hiervon bin ich fest überzeugt.
In unseren Uhren und unserer Markenkommunikation spiegelt sich also das Berlin von heute. Aber auch die letzten 50 Jahre: Die 68-er und unser Verständnis von Demokratie haben auch das Design geprägt und unsere Vorstellung davon. Wir glauben, dass dies unseren Uhren ins Gesicht geschrieben steht. Sie sind Ausdruck von, nennen wir es, demokratischem Luxus.

Demokratischer Luxus klingt ein bisschen widerspenstig …
Nur scheinbar. Es ist eine Frage der Perspektive. Es geht meines Erachtens um Werte. Wir brauchen wenig Dinge, doch das, was wir besitzen, soll von guter Qualität, soll echt sein. Nomos Glashütte macht keine Uhren nur für die «oberen Zehntausend». Menschen, die sich etwa einen Laptop leisten, einen Wochenendurlaub, einen guten Wintermantel, können sich gut auch unsere Uhren leisten. Es sind Instrumente fürs Leben – und hochgerechnet sind es nur wenige Cent, die unsere Uhren pro Tag kosten.
Nomos Glashütte ist Mitglied des Deutschen Werkbunds: «beste Qualität erschwinglich für viele» ist auch dort ein Ziel. Sozial wie ökologisch saubere Werkstoffe, fair bezahlte Arbeit, exquisites Design und ein Preis, der für den Kunden fair berechnet ist, anstatt viel Luft zu beinhalten: All das ist uns wichtig.

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut?
Wir sind schon etwas anders. Klein und ohne grosse Teppichetage. Manchmal finden unsere Meetings am Kneipentisch statt und manchmal versteht man unsere Ungezwungenheit als Frechheit. Und wir haben Ideale: Natürlich können wir nicht mit einer Uhr die Welt retten. Aber vielleicht doch ein Stück davon. Wir haben etwa in Deutschland, den USA und Grossbritannien Sondereditionen für Medécins Sans Frontières, also Ärzte ohne Grenzen gebaut. Beim Kauf einer dieser Uhren gehen 100 Euro, Pfund oder Dollar als Spende an die Organisation. Bevor Nomos als Partner akzeptiert wurde, hat uns die Nothilfeorganisation unter die Lupe genommen: Das Unternehmen wurde vom Keller bis unters Dach inspiziert. Woher stammt das Gold in unserem Safe, unter welchen Bedingungen werden Materialien und Einzelteile hergestellt? Alles wurde geprüft. Und: alles einwandfrei. Wir sind die Guten (lacht).

Nomos betreibt einen Mono-Brand-Store in Zürich. Warum ausgerechnet in der Höhle des Löwen, der Schweiz, dem Land der Uhren?
Ja, der Schritt war schon ein wenig gewagt. Aber: Nirgendwo verstehen die Menschen mehr von guten Uhren als in der Schweiz. Hier, in Zürich, wissen die Kunden einfach zu schätzen, was wir alles selbst machen. Denn was wir tun, ist auch in der Schweiz, auch für viele wesentlich teurere Marken längst nicht mehr selbstverständlich: Uhrwerke selbst zu bauen von A bis Z.

Das Modell Zürich ist eine Avance an die Stadt?
Den Schweizer Designer Hannes Wettstein hatte ich einst bei einem Interview kennengelernt. Ich kannte seit damals all seine tollen Entwürfe. Als es dann endlich zu unserer Kooperation kam, lag es nahe, sie «Zürich» zu nennen. Leider war diese Uhr einer der letzten Entwürfe Wettsteins, er starb viel zu früh. Der Habitus einer Avance war zuerst unbewusst, aber schliesslich willkommen. Mit dem Studio Hannes Wettstein arbeiten wir auch weiterhin zusammen. Im November können Sie ein neues gemeinsames Projekt sehen, zwei neue Nomos-Uhren.

Kommt Nomos bei den Schweizern an?
Mit Schweizern über Uhren zu reden, ist grossartig. Sie sind sehr qualitätsbewusst und absolut uhrenaffin. Sie wissen eine Menge über Uhren und was eine gute Uhr von einer sehr guten Uhr unterscheidet. Anderseits gibt es leider auch Vorbehalte gegenüber uns Deutschen à la «Und dann kommen die auch noch mit Uhren!». Die lange Tradition, Uhren zu manufakturieren, ist eigentlich etwas, was uns näher bringen könnte, eine Gemeinsamkeit, doch die Schweizer sind keine ungezügelten Sympathisanten. Aber gut Ding will Weile. Und wir haben auch schon viele Schweizer Fans, die die Wertigkeit und die Schönheit unserer Uhren lieben. Da wir aber leider auch nicht in der Lage sind, unsere Stückzahlen rasch zu steigern, sind die Mengen, die wir exportieren können, noch homöopathisch. Nomos Glashütte ist auch deshalb in der Schweiz noch fast ein Geheimtipp.

Was wird Ihre nächste grosse Aufgabe sein?
Momentan verkauft Nomos den grössten Teil seiner Uhren in Deutschland. Noch. Nun werden wir internationaler. Vor allem Westeuropa und Amerika wachsen stark. Für Asien haben wir Partner.

Internationaler werden heisst expandieren?
Wir produzieren Uhren in einer überschaubaren Stückzahl, und immer wieder kann es passieren, dass das eine oder andere Modell ausverkauft oder vergriffen ist. Die Nomos-Manufaktur in Glashütte/Sachsen ist alles andere als eine grosse Fabrik. Das Tal ist eng und klein, wir beschäftigen dort rund 140 Personen. Gute Uhrmacher gibt es nicht wie Sand am Meer: Wir können und wollen nicht einfach an einer Schraube ziehen und mehr produzieren. Was wir fertigen, verkauft sich von selbst. Aber die Nachfrage zu decken, ist selbstverständlich unser Anliegen – ein wenig wachsen wollen wir schon.

… und dabei wollen Sie sich Zeit nehmen?
Ja. Zu forcieren im überzogenen Masse ist nicht unser Stil und entspricht am Ende auch absolut nicht unserem Produkt. Wir wollen langsam, stabil und gesund wachsen.

Sie sagten, gute Uhrmacher gibt es nicht wie Sand am Meer. Der königlich sächsische Hofuhrmacher J. Gutkaes (geboren 1842) war Astronom und Mathematiker. Was muss denn ein Uhrmacher heute können?
Ein Verständnis für Mathematik und Physik ist für einen Uhrmacher nach wie vor von Bedeutung. Die Technologie und Komplexität muss mehr als nur verstanden werden. Eine Uhr beinhaltet auf maximal 6 cm² mehrere Hundert Teile. Mit einer mechanischen Uhr trägt man schon eine Meisterleistung an Ingenieurskunst am Arm. Uhrmacher müssen sich gut konzentrieren können, Geduld haben, Freude an Fummelkram ...

Es spricht für Sie, dass sie gleichermassen mit jungen, noch weniger etablierten Designern als auch mit bekannten Designergrössen zusammenarbeiten. Wie werden die nächsten Namen lauten?
Mit Werner Aisslinger stehen wir vor Start eines neuen Projektes, das Studio Hannes Wettstein, Axel Kufus und Mark Braun arbeiten für uns, Sauerbruch Hutton hat erste Pläne für einen Nomos-Neubau in Glashütte vorgestellt: Wir versuchen, Augen und Ohren offen zu halten. Gleichzeitig findet ein grosser Teil der Designprozesse hier bei uns in Berlin statt, inhouse, wie man so schön sagt. Erfahrung und Stallgeruch hier, frischer Wind da: Beides ist wichtig. Bei den Uhren, aber eben auch dem Drumherum; der Architektur, dem Messebau, dem Grafikdesign oder in der Fotografie. Denn die Freude an einem guten Produkt ist wirklich ungetrübt nur dann, wenn alles stimmt.

Vielen Dank für das Gespräch.